Andrej Holm zum SZ-Artikel

10. November 2009 at 10:24 am 3 Kommentare

Andrej Holm hat in seinem Gentrification-Blog den gestrigen Artikel von Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung analysiert. Sein Fazit:

„Die Revolte der Aufwertungspioniere zielte ja tatsächlich in eine sinnvolle Richtung – doch statt neuer Mehrheiten für eine andere Stadtpolitik haben sie nun die neoliberalen Stadtgestalter aller politischen Lager am Hals. Erst erklärt Richard Florida den partiellen Erfolg der Besetzung im Gängeviertel zum gloablen Modell für die Creativ-City-Formation, dann entdecken Hamburgs Senator/innen den Wert der Künstler/innen für die Stadtentwicklung und nun sollen sie auch noch für die Heimatgefühle der Süddeutschen Zeitung aufkommen. Mit dem „Recht auf die Stadt“ hat das alles immer weniger zu tun. Ein „Recht auf die Stadt“ muss offensichtlich nicht nur eingefordert, erkämpft und durchgesetzt werden, sondern sich vor allem der unzähligen Vereinnahmungsversuche erwehren. Hamburg könnte also zum Prototyp der Auseinandersetzung um die ‘Seele’ von städtischen sozialen Bewegung werden.

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Süddeutsche Zeitung NIONHH bei Schalthoff Live / Hamburg 1

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  • 1. Houses of Soul  |  10. November 2009 um 11:31 am

    Was die „Seele von städtischen und sozialen Bewegungen“ zu sein hat, bestimmt der Mann, welcher derzeit ein paar Stockwerke unter diesem Engel Untermieter ist…

    Ist dies tatsächlich so?

    Antworten
  • 2. altpaier sz vom 09.11.09  |  10. November 2009 um 3:33 pm

    SZ, 9.11.2009

    Kampf um die Stadt
    Bei der Besetzung von Künstlerquartieren geht es um die Zukunft der
    Gesellschaft

    Hamburg ist eigentlich eine sehr nüchterne, in protestantischer
    Wirtschaftsethik geerdete Stadt, und dennoch sprechen hier gerade
    viele Menschen von einem Wunder. Zwar ist die unerklärliche
    Wandlung, die damit gemeint ist, politischer und nicht sakraler
    Natur, aber das Erstaunen über die Entwicklung, die sich in der
    Stadt vollzieht, seit rund 200 Künstler im August das Gängeviertel
    besetzt haben, geht ähnlich tief. Bürgerschaft und Senat, Verbände
    und Springermedien beschäftigen sich plötzlich in geradezu
    lutherischem Eifer mit kapitalismuskritischen Positionen. Ein
    Manifest über die Verfehlungen rein gewinnorientierter
    Stadtentwicklung mit dem Titel „Not in our name“, das der Gitarrist
    der Hamburger legendären Hamburg Punkband Die Goldenen Zitronen
    verfasste, lieferte zuletzt die Stichpunkte für eine zweistündige
    Bürgerschaftsdebatte über das politische Selbstverständnis der Stadt.

    Allein der Weg dieses Schriftstückes sagt viel über eine rapide
    gewandelte Diskussionskultur aus. Von der Seele geschrieben in
    irgendeiner obskuren Nische des Internets wurde „Not in our name“
    von dem sich gerade bildenden Netzwerk „Recht auf Stadt“
    aufgegriffen, dann von Hamburgs größter Lokalzeitung, dem Hamburger
    Abendblatt, sowie der Zeit nachgedruckt, um schließlich zu einer
    sehr ernsthaften und teilweise selbstkritischen
    Parlamentskontroverse darüber zu führen, wessen Interessen in der
    Stadtentwicklung eigentlich denVorrang haben sollten: die der Bürger
    oder die der Investoren.

    Sieht man sich diesen Prozess aber genauer an, so verliert er etwas
    von seiner Heiligkeit. Denn das Wunder von Hamburg, das in der
    Rettung des Gängeviertels vor der Zerstörung durch einen
    holländischen Investor demnächst vermutlich einen ersten konkreten
    Schritt neuer Prioritätenbildung erlebt, beruht doch auf der guten
    alten Organisation von Unbehagen, die manaus der Geschichte
    politischer Bewegungen kennt. Widerstand gegen eine allzu einseitige
    Stadtentwicklung, die zwischen Planern, Investoren und Architekten
    nach den Kriterien von Höchstgebot, Rendite und Ästhetik
    ausgekungelt wird, gibt es in Hamburg nämlich schon lange. Aber die
    vielen Bürgerinitiativen gegen einzelne Projekte agierten für sich
    und deshalb erfolglos. Seit einigen Monaten aber beginnen diese
    Gruppen, sich in dem offenen Netzwerk „Recht auf Stadt“ zu
    organisieren – und bemerken dabei erstmals ihre Stärke.

    Diese Stärke – und das ist vielleicht das wirklich Moderne an dieser
    Organisationsform – resultiert nicht aus einem einheitlichen
    Programm und parteiförmigen Hierarchien, sondern aus Heterogenität
    und Vernetzung. Bedachte wie verbohrte Linke, kritische Künstler und
    zornige Mieter mit Räumungsbefehl, Schrebergarten- Fans und
    alternative Sozialarbeiter entstammen zwar sehr unterschiedlichen
    Milieus und finden auch nicht immer einen gemeinsamen Jargon.

    Aber in der Beobachtung, dass die intensive Neubautätigkeit, die
    nicht nur in der Hamburger Hafencity, sondern auch in der alten
    Stadt und den angrenzenden Quartieren massiven Wandel bringt, ihren
    Lebensraum zunehmend sozial entkernt, sind sich alle Empörer einig.

    Das aber ist ein Gefühl, das auch Lokaljournalisten und
    Parlamentarier teilen können, weswegen sie sich plötzlich geradezu
    dankbar dafür zeigen, dass jemand das Recht der Bürger auf ihre
    Stadt so formuliert, dass sie sich die Sache politisch zu eigen
    machen können.Das traditionell stark regierungshörige Hamburger
    Abendblatt verwandelt sich in dieser Debatte endlich in eine Zeitung
    mit Haltung, in der flammende Kommentare gegen die weitere
    Stadtzerstörung durch gesichtslose Neubauten und für den Erhalt der
    Künstlerkolonie Gängeviertel im Hinterhof des Verlagsgebäudes
    stehen. Und die traditionell investorenhörigen CDUPolitiker der
    Stadt empören sich plötzlich über die Erpressermentalitäten von
    Immobilien-Entwicklern, womit sie sich unversehens in einer großen
    Koalition befinden, die über das grün-linke Bildungsbürgertum bis zu
    den Rote-Flora-Aktivisten reicht, die man sonst so gerne als Chaoten
    beschimpft.

    Ganz offensichtlich ist die Diskussion über den Wert städtischen
    Lebens so überfallig, dass selbst heißgeliebte Feindbilder sie nicht
    mehr aufhalten können. Wobei es der neuen Allianz sicherlich
    dienlich ist, dass ihr Geist ein konservativer ist, auch, wenn ihre
    Impulsgeber aus der linken Subkultur stammen. Denn das zentrale
    Anliegen von „Recht auf Stadt“ ist Bewahren und Schützen. Von
    denmomentan rund zwanzig Initiativen, die unter dem Motto gemeinsame
    Aktionen planen, geht es eigentlich allen um den Erhalt von etwas.

    Das Bernhard-Nocht-Quartier am Hafenrand soll als preiswerter
    Wohnraum mit der typisch bunten und scheddrigen Struktur St. Paulis
    vor Luxussanierung geschützt werden. Die Künstler, die in dem
    leerstehenden ehemaligen Karstadt- Kaufhaus in Altona eine große
    Ateliergemeinschaft gebildet haben, wehren sich gegen den Abriss des
    Gebäudes für einen Ikea-Neubau. Der autonome Stadtteiltreff Centro
    Sociale imSchanzenviertel, Ausgangspunkt und Versammlungsort der
    „Recht auf Stadt“-Zusammenballung, konnte gerade dank breiter
    Unterstützung in der Bevölkerung vor der Schließung bewahrt werden.
    Aber auch Grünzüge, die von einer Fernwärmeleitung des
    Energiekonzerns Vattenfall bedroht sind, oder Straßen im
    Schanzenviertel, die unter dem kommerziellen Erfolg des Quartiers
    ihre Lebensqualität zu verlieren beginnen, stehen auf der Roten
    Liste der aussterbenden Erlebnisarten.

    Dass diese Diskussion auch in der Kaufmannsstadt Hamburg nicht ohne
    antikapitalistischen Zungenschlag geführt werden kann, liegt in
    derNatur der Sache. Denn im Querschnitt des Protestes geht es um
    eine Wertediskussion, die persönliche gegen kommerzielle Ansprüche
    zu behaupten versucht. Während das investmentgesteuerte Stadtdesign
    eine global verarmte Sprache aus Läden, Neubauten und Verkehrswegen
    produziert, lieben Menschen immer noch Attribute von Heimat, die
    sich dem Geldwert-Denken entziehen.Kleine Krämer, verfallene
    Nischen, verwunschene Parks, eigensinnige Kneipen, skurrile
    Nachbarschaften, architektonischer Eigensinn oder einfach
    Erinnerungsorte geben einer Stadt ihre Seele, bedürfen aber
    besonderer Obhut, denn sie dienen einer wirtschaftlichen
    Wachstumsideologie höchstens mittelbar.

    Natürlich ist dies kein Hamburger Privatproblem. Seit den sechziger
    Jahren hat es überall auf der Welt lokale zornige Bewegungen
    gegeben, die der Zerstörung der Stadt durch monokausale
    Wirtschaftsargumente entgegengetreten sind. Jane Jacobs
    Grundlagentext „Tod und Leben großer amerikanischer Städte“ erschien
    schon 1961. Dort, wo die Bewegungen unterlegen sind, sieht es heute
    aus wie in einer Downtown im amerikanischen Mittelwesten oder der
    Hamburger Innenstadt: öde, langweilig und kalt.

    Dort, wo sie Erfolg hatten, strömen die Touristen und freuen sich an
    den Qualitäten einer lebendigen und abwechslungsreichen Stadt. Doch
    das Neue und Zeitgemäße an dieser Protestkultur ist ihre virtuelle
    Schlagkraft.

    Organisation und Diskussion verlagern sich –wie bei „Recht auf
    Stadt“ – zu einem entscheidenden Teil ins Internet und führen dazu,
    dass sich die fälligen Denkanstöße viral über den eigentlichen
    Standort hinaus ausbreiten können. Da sind die um sich greifenden
    Besetzungen von Universitätsgebäuden durch unzufriedene Studenten.
    In München haben Künstler nach dem Vorbild der Gängeviertelbesetzung
    die Gebäude auf der Praterinsel besetzt. Da ist aber auch der hohe
    Grad an historischer Recherche und theoretischer Fundierung, den die
    Quellen des Internets den Initativen für ihre Argumente bieten. Und
    so befördern die schnelle Kommunikation und das globale Archiv die
    Ausbreitung des Lokalen ins Grundsätzliche.

    Doch auch im digitalen Zeitalter lebt jede soziale Bewegung
    weiterhin von der persönlichen Präsenz. Ohne die Besetzung des
    Gängeviertels, ohne die einnehmende und unideologische
    Verhandlungsbereitschaft sowohl der Künstler wie der beteiligten
    Behörden, ohne die Unterstützung von Prominenten wie dem Maler
    Daniel Richter, dem Regisseur und Musiker Rocko Schamoni, dem
    Regisseur Fatih Akin oder dem Schauspieler Peter Lohmeyer, bliebe
    die politische Vernetzung eine linke Nabelschau.

    Und die gerade entfachte Dynamik wird auch nur dann einen
    längerfristigen Wandel erreichen und auf andere Städte mit den
    gleichen Problemen übergreifen können, wenn der Protest sich im
    realen öffentlichenRaumhält. Denn Wunder kommen nicht per E-Mail.“

    Antworten
  • 3. Rainer  |  14. November 2009 um 4:09 pm

    Seitens der SZ artikuliert dieser Artikel eine gute Portion Emphatie für HH.
    Selbst das geschmeidige Lob an das ehrgeizige HH-Abendblatt,welches sich unentwegt als >Main-Organ der Metropole HH< versteht,bewirkt Druck auf
    die Readktion, sich weiterhin der Sache engagiert zu widmen.Das
    MANIFEST ist nun ein für alle mal weltweit raus.

    Antworten

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