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Künstlerschweine in der Süddeutschen

Das Feuilleton der Süddeutsche Zeitung hat am Montag mit einem Artikel über Not In Our Name, Marke Hamburg aufgemacht. „Warum der Protest gegen Gentrifizierung gerecht ist – aber auch reichlich borniert“ heißt es in der Printausgabe des Kommentars. Der Text hinterlässt uns ein wenig ratlos.

„Es geht um einen Clash der Einkommen und Kulturen, aber es geht schon lange nicht mehr um Arbeiter, die es heute kaum noch gibt, oder um Zuwanderer und Arme, deren Aufstand anders aussehen würde. Die Front verläuft weiter oben: Angeführt von gut vernetzten Künstlern und Aktivisten, verteidigen Freiberufler und Kreative ‚ihr‘ Viertel gegen den Zuzug von Rechtsanwälten und Unternehmensberatern.“

Schreibt Unternehmensberater Dr. Jan Füchjohann, der seinen Xing-Account mit der Berufsbezeichnung „Berater / Texter / Creative Management“ offensichtlich eilig gelöscht hat, nachdem Andrej Holm das in seinem Gentrification Blog aufgespießt hat. Der aber gewiss beim Barrikadenkampf dabei wäre, wenn es noch echte Arbeiter gäbe, die was zu verteidigen hätte. Was im übrigen eines der dümmsten Missverständnisse zum Thema Strukturwandel ist: Da kann es im ehemaligen Ostblock, in Asien, China und im globalen Süden noch so wimmeln von Arbeiterinnen und Arbeitern in subprekären Produktions-Verhältnissen, die dem Industriezeitalter zu Marx‘ Zeiten zur Ehre gereicht hätten: Nein, unsere postindustrielle Dienstleistungsökonomie hat die Arbeiter abgeschafft! Ein unausrottbarer Dauerbrenner.

Jedenfalls: So ein Quatsch. Natürlich verteidigen nicht „wir“ Kreativen „unser Viertel“ gegen die anderen „Kreativen“, die „mehr Geld“ haben, während wir „mehr Zeit“ haben. Was für eine Kinderei. Füchtjohann will damit punkten, dass er der NIONHH-Initiative und ihren Unterstützer_innen das Bedürfnis nach Distinktionsgewinn unterjubelt. Wir sind demnach auf dem Trip einer „Selbstmarginalisierungsstrategie der Coolness“, so das Berliner Magazin Hate, das F. zitiert. Weshalb wir die „Hartz-IV-Eckkneipe“ und den „türkischen Spätkauf“ brauchen, um eine „Raue Echtheit des Unterschieds“ produzieren zu können. Ach ja, wie man’s macht, macht man’s falsch. Wenn die Künstlerschweine die türkischen und Hartz-IV-Nachbarn links liegen lassen, sind sie ein elitäres Pack, wenn sie sich mit ihnen zu solidarisieren versucht, erst recht:

„Not In Our Name zu rufen, heißt allzu oft, sich selbst aus der Verantwortung zu entlassen. Wer grundsätzlich gegen Aufwertung ist, perpetuiert die Armut. Wer das Neue ablehnt, lehnt auch die Großstadt ab, deren Reiz gerade in ihrem ständigen Wandel liegt. Gebraucht werden nicht nur billige Ateliers und Proberäume, sondern interessantere Pläne für den Wandel als die der gegenwärtigen Investoren.“

Warum sollten wir was gegen „Aufwertung“ haben, wenn damit was anderes bezweckt sein sollte, als die Inwertsetzung des Bodens und die Verdrängung der sprichwörtlichen „vier A’s“ (Arme, Ausländer, Alte, Arbeitslose)? Wie oft müssen wir noch ventilieren, dass wir unsere Rolle als „Kreative“ in Gentrifizierungs- und Aufwertungsprozessen thematisieren, um zu sagen: Die Stadt gehört allen?

Wie gesagt, eigenartiger Text. Die Suada läuft auf einen väterlichen Rat hinaus: „Die Aufgabe der neuen Gentry sollte deshalb erstmal Selbstkritik sein.“ Schlaumeier, wir verraten dir was: Das Manifest ist die Konsequenz einer Selbstkritik. Wir wollten damit aufhören, uns Asche auf’s Haupt zu werfen, weil wir ja so furchtbar selbst schuld daran sind, dass die Mieten plötzlich steigen. Und uns stattdessen dagegen wehren, dass ein Milieu der Vielen zum Produkt für Wenige wird. Denn „Aufwertung“ ist leider nur eine gute Sache, wenn sie die Verhältnisse für alle aufwertet, und nicht nur für die, die daraus ein Anlageobjekt machen.

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15. Juli 2010 at 10:43 pm 3 Kommentare


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