Künstlerschweine in der Süddeutschen

15. Juli 2010 at 10:43 pm 3 Kommentare

Das Feuilleton der Süddeutsche Zeitung hat am Montag mit einem Artikel über Not In Our Name, Marke Hamburg aufgemacht. „Warum der Protest gegen Gentrifizierung gerecht ist – aber auch reichlich borniert“ heißt es in der Printausgabe des Kommentars. Der Text hinterlässt uns ein wenig ratlos.

„Es geht um einen Clash der Einkommen und Kulturen, aber es geht schon lange nicht mehr um Arbeiter, die es heute kaum noch gibt, oder um Zuwanderer und Arme, deren Aufstand anders aussehen würde. Die Front verläuft weiter oben: Angeführt von gut vernetzten Künstlern und Aktivisten, verteidigen Freiberufler und Kreative ‚ihr‘ Viertel gegen den Zuzug von Rechtsanwälten und Unternehmensberatern.“

Schreibt Unternehmensberater Dr. Jan Füchjohann, der seinen Xing-Account mit der Berufsbezeichnung „Berater / Texter / Creative Management“ offensichtlich eilig gelöscht hat, nachdem Andrej Holm das in seinem Gentrification Blog aufgespießt hat. Der aber gewiss beim Barrikadenkampf dabei wäre, wenn es noch echte Arbeiter gäbe, die was zu verteidigen hätte. Was im übrigen eines der dümmsten Missverständnisse zum Thema Strukturwandel ist: Da kann es im ehemaligen Ostblock, in Asien, China und im globalen Süden noch so wimmeln von Arbeiterinnen und Arbeitern in subprekären Produktions-Verhältnissen, die dem Industriezeitalter zu Marx‘ Zeiten zur Ehre gereicht hätten: Nein, unsere postindustrielle Dienstleistungsökonomie hat die Arbeiter abgeschafft! Ein unausrottbarer Dauerbrenner.

Jedenfalls: So ein Quatsch. Natürlich verteidigen nicht „wir“ Kreativen „unser Viertel“ gegen die anderen „Kreativen“, die „mehr Geld“ haben, während wir „mehr Zeit“ haben. Was für eine Kinderei. Füchtjohann will damit punkten, dass er der NIONHH-Initiative und ihren Unterstützer_innen das Bedürfnis nach Distinktionsgewinn unterjubelt. Wir sind demnach auf dem Trip einer „Selbstmarginalisierungsstrategie der Coolness“, so das Berliner Magazin Hate, das F. zitiert. Weshalb wir die „Hartz-IV-Eckkneipe“ und den „türkischen Spätkauf“ brauchen, um eine „Raue Echtheit des Unterschieds“ produzieren zu können. Ach ja, wie man’s macht, macht man’s falsch. Wenn die Künstlerschweine die türkischen und Hartz-IV-Nachbarn links liegen lassen, sind sie ein elitäres Pack, wenn sie sich mit ihnen zu solidarisieren versucht, erst recht:

„Not In Our Name zu rufen, heißt allzu oft, sich selbst aus der Verantwortung zu entlassen. Wer grundsätzlich gegen Aufwertung ist, perpetuiert die Armut. Wer das Neue ablehnt, lehnt auch die Großstadt ab, deren Reiz gerade in ihrem ständigen Wandel liegt. Gebraucht werden nicht nur billige Ateliers und Proberäume, sondern interessantere Pläne für den Wandel als die der gegenwärtigen Investoren.“

Warum sollten wir was gegen „Aufwertung“ haben, wenn damit was anderes bezweckt sein sollte, als die Inwertsetzung des Bodens und die Verdrängung der sprichwörtlichen „vier A’s“ (Arme, Ausländer, Alte, Arbeitslose)? Wie oft müssen wir noch ventilieren, dass wir unsere Rolle als „Kreative“ in Gentrifizierungs- und Aufwertungsprozessen thematisieren, um zu sagen: Die Stadt gehört allen?

Wie gesagt, eigenartiger Text. Die Suada läuft auf einen väterlichen Rat hinaus: „Die Aufgabe der neuen Gentry sollte deshalb erstmal Selbstkritik sein.“ Schlaumeier, wir verraten dir was: Das Manifest ist die Konsequenz einer Selbstkritik. Wir wollten damit aufhören, uns Asche auf’s Haupt zu werfen, weil wir ja so furchtbar selbst schuld daran sind, dass die Mieten plötzlich steigen. Und uns stattdessen dagegen wehren, dass ein Milieu der Vielen zum Produkt für Wenige wird. Denn „Aufwertung“ ist leider nur eine gute Sache, wenn sie die Verhältnisse für alle aufwertet, und nicht nur für die, die daraus ein Anlageobjekt machen.

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Gegner für die Schulreform: NIONHH ist dabei. Not In Our Name, Marke Hamburg im Bundestag

3 Kommentare Add your own

  • 1. zahnwart  |  16. Juli 2010 um 10:55 am

    Not in Our Name, Marke Hamburg ist bezüglich Selbstreflexion sicher ein Vorreiter; deswegen hat der Artikel in der Süddeutschen auch eine unglückliche Stoßrichtung. Aber: Bei anderen Initiativen wird dieses Niveau längt nicht erreicht. Ich bezweifle z.B. dass der Mediaspree-Widerstand in Berlin sich bewusst macht, dass er gleichzeitig Gentrifizierungskritiker ist wie auch Gentrifizierer. Ein Positionspapier wie es Nionhh vorgelegt haben, kenne ich von drt auf jeden Fall nicht. Daher: Ein wenig Hinterfragen der eigenen Position wäre meiner Meinung nach durchaus wünschenswert. Dass sich die Süddeutsche hierfür die falschen Adressaten ausgesucht hat – geschenkt.

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  • 2. timetunnel  |  16. Juli 2010 um 11:40 am

    Das hätten die Kriegsgewinnler gerne, erst mal in selbstkritik und nichtstun üben. so kommt mit verspätung die künstlerkritik von luc boltansky und eve chiapello im süddeutschen-feuilleton recycelt an und beschwört den sozialdemokratismus mit seinem imaginierten arbeiter als letzten gerechtfertigten repräsentanten des protestes. die vielfältigen interessen in den sozialen stadtfragen fangen an sprecherinnenrollen einzuüben und beginnen, positionen einzunehmen in den aktuellen verteilungskämpfen. das hätten manche gern, dass gerade die, welche auch protagonisten der veränderungen sind, sich in demut üben statt machtfragen und gestaltungsansprüche zu stellen. herr lazzarato hat das mal schön aufgespiesst.
    http://eipcp.net/transversal/0207/lazzarato/de

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  • 3. Axim  |  7. Oktober 2010 um 11:06 am

    Ich möchte mich hier dem ersten Kommentar anschliessen und das ganze noch etwas detaillierter benennen. Wenn an die VertretterInnen der BAR25 vor einem Jahr auf der „Mediaspree versenken Demo“ denke, wo sie Parolen brüllend gegen die Gentrifizierung durch die Mediaspreei mobiliserten und ich zur Fußball WM der Männer 2010 sehe, daß die gleiche Gruppe nebenan in Kooperation mit Adidas eine „ADIDAS ORIGINALS X BAR 25 – ‘JOHANNESBURG 24′“ eröffnen, dann verstehe ich die Kritik von Jan Füchjohann. (siehe: http://www.artschoolvets.com/news/2010/06/23/adidas-originals-x-bar-25-johannesburg-24/)
    Dies sind die benannten KünstelerInnen und Kreativen, welche nach dem Bedarf des eigenen Freiraumerhalts, dann auch gerne mal mit Adidas kuscheln und nicht darüber nachdenken, daß dies genau die Schritte sind, die eine Verwertung im Sinne der Gentrifizierung ermöglichen. Aus eigenem Vorteilsbestrebungen heraus.

    Allerdings muss mensch sich vor Pauschalisierungen und Verallgemeinerungen in Acht nehmen. Ein Hinterfragen der eigenen Position ist wünschenswert. Selbstkritik im Sinne einer Differenzierung, dass durchaus eine Banalisierung der Gentrifizierungsdebatte stattfindet, auch wenn mensch sich vielleicht selbst in die richtige Richtung bewegt.

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